Zum dritten Mal
wurde in der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik in Mannheim die Studienwoche zum Bauimpuls Rudolf Steiners durchgeführt. Unter dem Titel: „Die Gegenwartssituation der Architektur und die Aufgabe des
Organischen Bauens" hatte sich eine Gruppe von ca. 25 engagierten Teilnehmern, - Fachleuten und Laien, - zu intensiver Arbeit und Gesprächen zusammengefunden.Fragt man nach dem Motiv, das die Menschen
- mitten in der Ferienzeit für eine ganze Woche zusammenführte, so war es zweifellos das intensive Interesse an dem Wesen des „Organischen Bauens" und an seinem Verhältnis zu den Strömungen und Entwicklungen der
Gegenwartsarchitektur.
Vom ersten Versuch Bekanntschaft mit dem Bauimpuls Rudolf Steiners zu machen, bis hin zu den Fragen, die sich erst nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit diesem Thema ergeben, war
alles bei den Teilnehmern vertreten, die sich gemeinsam auf den Weg zu einem tieferen Verständnis machten.
Nicht die Frage was ist Organische Baukunst, sondern was ist sie wirklich, - da wo sie
unmittelbar aus den Impulsen Rudolf Steiners hervorgeht und sich in Bauwerken manifestiert, die uns in
einzigartiger Weise den organischen Zusammenhang der Teile mit dem Ganzen vor Augen führen -, beschäftigte die Teilnehmer.
Schon in den vorausgegangenen Studienwochen war deutlich geworden, dass aus dem
praktischen Tun heraus, durch künstlerisches Üben und nicht durch ein System von Begriffen der Weg zum Verständnis des Organischen Bauens gegangen werden muss. So wurde vor
allem hier ein Schwerpunkt gelegt, ebenso auf eine sorgfältige phänomenologische Arbeit.
Fruchtbarste Anregungen ergaben sich immer wieder da, wo die Beziehung zwischen dem menschlichen Organismus und den Gesetzmäßigkeiten der Baukunst in der Erfahrung aufgesucht werden konnten.
Gemeinsame künstlerische Tätigkeit im eurythmischen, musikalischen und plastischen Bereich bildete die Grundlage für die Betrachtung von Architektur-Phänomenen, die in zahlreichen Beiträgen vorgestellt
wurden.
Architekturplastische Übungen am Vormittag behandelten zunächst die wichtigsten Grundphänomene der Baukunst und
führten schließlich zum Entwurf eines modernen Zweckbaues im Organischen Baustil.
An den Nachmittagen stand das Modell des
II. Goetheanums im Zentrum der Aufmerksamkeit. Von verschiedenen Seiten versuchten sich die Teilnehmer durch den künstlerischen Nachvollzug im Plastizieren dem Außenmodell
Rudolf Steiners zu nähern.
In einer anschließenden Gesprächszeit wurden Beiträge von Teilnehmern zu den Fragen des Organischen Bauens und der Gegenwartsarchitektur gegeben und vielfältige Fragen zum Thema
behandelt.
Igor Wispler stellte seine Diplomarbeit, den städtebaulich bezogenen Entwurf für ein Landtagsgebäude in Berlin, vor. Johannes Gabert von der Christophorus-Schule in Hamburg-Bergstedt berichtete
von seinem methodischen Ansatz zur Behandlung moderner Architekturformen im Epochenunterricht. Der Architekt für Organisches Bauen, Heinrich J. Mayer, zeigte Bilder und berichtete von zwei Projekten: einer
Christengemeinschaftskirche und einem Erweiterungsbau der Waldorfschule in Pforzheim. Gerhard Meighörner gab einen Beitrag zu spirituellen Wahrnehmungen an Architekturphänomenen und Jens Warntjen aus Kassel zeigte
Entwürfe zu einem Waldorfschulbau.
Die Reihe der Abendvorträge begann mit dem Thema:
- - Zur Entwicklung der Architektur und ihrer Beziehung zum Menschen (Ulrich Schöne, Mannheim).
- - Imre Makovecz, ein Beispiel zur Gegenwartsarchitektur (Projekt EXPO 2000) (Peter Epp, Mannheim)
- - Die Signatur der Gegenwartsarchitektur (Nikolaus von Kaisenberg, Alfter)
- - Das Element von Pfeiler und Säule in der Architektur Rudolf Steiners - mit Studien zu den Kapitellformen am folgenden Vormittag -(Alexander Schaumann, Düsseldorf)
- - Phänomenstudien zur Saalgestaltung in den Goetheanumbauten : :- als Vorbereitung für die Tagung vom 3. bis 5. Dezember 1999 im Goetheanum -(Ulrich Schöne, Mannheim)
- - Der Vortrag: „Die Wirkung der Architektur auf die Wesensglieder der Menschen" von Günter Luft, Heidenheim, musste auf ein späteres Mal verschoben werden.
Das gleiche Thema war jedoch auch Gegenstand der morgendlichen Textarbeit am zweiten Vortrag des Zyklus: „Kunst im Lichte der Mysterienweisheit", der ein wesentliches Element im Ringen um das
Verständnis der Architekturphänomene bildete.
Besonders dankbar wurden die eurythmischen Übungen mit Christine Morf aufgenommen, die zu Beginn jedes Tages die Beziehung zu den Fragen der inhaltlichen Arbeit
durch praktische Erfahrungen herstellten.
Das Element der Musik und ihr Verhältnis zum Raum lebte durch Gesang und musikalische Improvisationen mit Günter Blechert am frühen Nachmittag im Kreis der
Teilnehmer. Am letzten Tag der Studienwoche konnte eine kleine künstlerische Darbietung im Saal der Hochschule gegeben werden.
Das rückblickende Gespräch am Ende der Tagung zeigte, wie lebendig die Arbeit
der Studienwoche sich bis zuletzt gestaltete, so dass der Blick unmittelbar auf die Fortsetzung im kommenden Jahr 2000 gerichtet wurde. Mit Dankbarkeit für die gegenseitige Wahrnehmung und das vielseitige gemeinsame
Erleben im künstlerischen und sozialen Prozess fand die Studienwoche ihren Abschluss. Der Dank galt auch besonders jenen Teilnehmern, die hier namentlich nicht genannt wurden, die aber durch praktische Hilfe in der
Organisation und Durchführung, durch Gesprächsbeiträge, Fragen und ihre aktive Teilnahme Wesentliches zum Gelingen beigetragen haben.
Ulrich Schöne
Mannheim, 22.10.1999