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Ulrich Schöne
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Organisches Bauen
Tagung 2001

    Die erzieherische und soziale Dimension der Organischen Architektur

Studienwoche zum Bauimpuls Rudolf Steiners vom 29. Juli bis 4. August 2001

Auch in diesem Jahr hat eine Gruppe von ca. 20 Menschen an der Studienwoche zum Bauimpuls in Mannheim teilgenommen. Die Mehrheit der Teilnehmer: Architekten, Lehrer und Erzieher, war gekommen, um Anregungen für konkrete Projekte im Bereich von Schulbauten, Pflegestätten und Kindergärten zu erhalten. Gemeinsam wurde das Projekt einer einzügigen Waldorfschule vorbereitet und in verschiedenen individuellen Entwürfen in plastischen Modellen zur Ausführung gebracht.

Das Thema der Studienwoche erfuhr seine wesentliche Vertiefung durch die Arbeit am letzten Vortrag des Zyklus „Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen" (Berlin, 6.1. bis 11.6.1908). Schon zu diesem frühen Zeitpunkt formulierte Rudolf Steiner sein prinzipielles Anliegen für die Erneuerung der Architektur.

„Ebenso wird, wenn wahres geistiges Leben wieder in der Menschheit sein wird, das ganze Leben, alles, was uns äußerlich entgegentritt, uns wieder als ein Abbild der Seele erscheinen. Profanbauten sind nur so lange Profanbauten, solange der Mensch nicht die Fähigkeit hat, in sie den Geist hineinzuprägen." (l l .6.1908)

„Man wird einmal verstehen einen Bahnhof so zu bauen, dass er ebenso Weisheit ausströmt wie ein Tempel, wenn er nur wirklich ausdrucksvoll dem angepaßt ist, was in ihm lebt." (4.6.1908)

„Wenn der Mensch lernen wird, wie sich im Äußeren das Innere ausdrückt, dann wird es wiederum eine Kultur geben." (11.6.1908)

Vertiefte Erkenntnis dessen, was in einem Bauwerk lebt - auch mit den neu hinzu entwickelten Organen eines höheren Bewusstseins und die Fähigkeit, die auf diesem Wege gewonnenen Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen, sind die Voraussetzung der Entwicklung eines neuen Baustiles.

In den Vorträgen von 1908 beschreibt Rudolf Steiner wie die großen baukünstlerischen Werke so wie sie in den Stilepochen der Vergangenheit geschaffen wurden und wie sie als Ergebnisse eines neuen Baustiles in der Zukunft entstehen werden denjenigen höheren Wesenheiten, die als unterste Leiblichkeit einen ätherischen Leib haben eine physische Leiblichkeit geben „ ...durch die sie ihren Ätherleib sozusagen in Verbindung setzen können mit der irdischen Sphäre, eine physische Leiblichkeit, die wir sozusagen hinstellen können auf unsere Erde, und die ein Anziehungsband bildet, so dass diese Wesenheiten mit ihren Ätherleibern herabkommen zu dieser irdischen Leiblichkeit und in derselben Gelegenheit nehmen, sich unter den Menschen aufzuhalten" (Berlin, 11.6.1908).

Eine wirkliche Durchgeistigung der Architektur, eine künsterlisch-geistige Durchdringung aller Lebensbereiche ist das Anliegen Rudolf Steiners. Der „neue Baustil", so wird es mehrfach unmißverständlich ausgesprochen, sollte nach Umfang und Bedeutung für die Menschheitsentwicklung vergleichbar den großen Stilepochen „der Gotik", der „griechischen Zeit" und der „Kunst des alten Ägypten" sein.

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Die Voraussetzungen und Wegrichtungen dieses neuen Baustiles wurden von Rudolf Steiner den Laien und „fachmännischen Laien" an verschiedenen Orten immer wieder dargestellt.

Demnach ist die Gestaltung des Organischen Baustiles erst möglich durch eine Verwandlung des gewöhnlichen verstandesmäßigen Denkens hin zu einem das Lebendige erkennenden, von künstlerischem Empfinden durchdrungenen Denken. Dieses qualitativ höher stehende Denken zu erringen ist eine Aufgabe, die in der Bewusstseinsentwicklung der Menschheit liegt.

„Dann aber war die Notwendigkeit gegeben, den ganzen Baugedanken so zu denken, wie man das Organische denkt. Verstehen, was ich damit eigentlich meine, wird nur der, der wirklich einmal versucht, was heute die wenigsten Menschen noch eigentlich wollen: in der Empfindung abzugehen von allem Symbolisierend-Abstrakten, von allem bloß Mechanisch-Mathematischen, und der sich einläßt auf ein wirklich organisch-künstlerisches, empfindendes Denken. Nicht etwa um die Form eines organischen Wesens symbolisch hier in Bauformen auszudrücken handelt es sich, sondern darum einzugehen, dass, um ein organisches Wesen zu begreifen, notwendig ist eine ganz bestimmte Art von intuitiven Gedankenformen. Und dann muss man in der Lage sein, ganz ursprünglich und elementar aus einem solchen intuitiven Denken heraus auch diese Bauformen zu finden." (Dornach, 23.1. 1920, GA 289)

Den Anspruch, den Rudolf Steiner an die Gesamtentwicklung der Architektur mit der Begründung des Organischen Baustiles stellt, in aller Klarheit deutlich zu machen, war naturgegeben das erste Anliegen der Studienwoche, die den Bauimpuls Rudolf Steiners würdigen wollte. Dieser hohe Anspruch rief nicht Entmutigung hervor, sondern wurde Ansporn zu täglichen Übungen, die vom praktischen Tun zum erkennenden Betrachten führten und die das eigentliche und hauptsächliche Ziel der Studienwoche waren.

Folgende Aufgaben und Ziele haben sich in den Studienwochen zum Bauimpuls Rudolf Steiners herausgebildet:

  • Zeichnerischer und architektur-plastischer Nachvollzug der Originalwerke Rudolf Steiners.
  • Erfahrungen mit den architektonischen Grundelementen und Metamophoseformen in   plastischen Übungen.
  • Ideenentwürfe und Ausführungen bestimmter Baumotive für die vergleichende Betrachtung.
  • Künstlerisch erkennender Umgang mit Erfahrungen des bewegten menschlichen Organismus in der Eurythmie.
  • Musikalische Übungen als Urteilsgrundlage für Gesetzmäßigkeiten des Organischen Bauens im Bereich der Intervalle.
  • Intensive Wesenseiforschung unterschiedlicher Projekte mit den Fragen: „Was lebt in einem Bauwerk, was sind die Aufgaben, Möglichkeiten und ideellen Ziele?''
  • Phänomenologische Studien an Architekturbeispielen verschiedener Epochen bis zur Gegenwart.
  • Künstlerisches Umsetzen von Ideen zu verschiedenen Projekten in freien künstlerischen Übungen.
  • Und nicht zuletzt die Arbeit an den von Rudolf Steiner gegebenen Erkenntnisgrundlagen des Organischen Baustiles.

Alle diese Elemente sollten der Fähigkeitsbildung und dem Urteilsvermögen im Bereich des neuen Bauimpulses dienen. Auf diesem Wege konnten die inzwischen sieben Veranstaltungen des Mannheimer Studienkreises - einschließlich der beiden Wochenendtagungen im Goetheanum - eine elementare Grundlage für aufeinander aufbauende fruchtbare Erfahrungen sein.

Ulrich Schöne

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