Der organische Baustil wurde zu Beginn unseres Jahrhunderts begründet. Er diente zunächst dazu, einer neuen Menschen- und Welterkenntnis Raum zu schaffen und Ausdruck zu
geben.Diese neue Weltbetrachtung, die innerhalb der Theosophischen Gesellschaft und dann in der Anthroposophie lebte, erweitert den wissenschaftlichen Blick von den bloß materiell zu erfassenden Tatsachen
zu den seelisch-geistigen Tatsachen der Welt. Sie erweitert die Erkenntnis des Menschen von seiner physischen Gestalt hin zur Erkenntnis seines seelisch-geistigen Wesens. Sie findet diese Gesetzmäßigkeiten auch in der
übrigen Welt. Indem sie die Betrachtung von der Außenseite der Welt auf das Innere erweitert, gewinnt sie die Kraft aus der Erfahrung des Inneren heraus zu gestalten, künstlerisch tätig zu sein.
Der Name
Anthroposophie besagt zunächst, dass der ganze Mensch mit allen seihen Gliedern und Eigenschaften in alle Erkenntnis einbezogen wird. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis wird nicht verneint oder verdrängt, sondern sie
erfährt eine Erweiterung, die der Erschließung der Wirklichkeit dient.
Die architektonische Gestalt verhilft dem Inneren zu seiner Wesensfindung. Das eigentliche Kunstwerk entsteht da, wo ein Inneres
herantastet an Formen der Architektur und dadurch sein eigenes Wesen findet.
Indem die Formen des Bauwerkes ein Inneres gestalten, nehmen sie zugleich das Wesen des Inneren auf und können es nun im
Äußeren des Bauwerkes zur Erscheinung bringen.
Der innige Zusammenhang eines Wesens mit seiner Umhüllung ist als Merkmal des Organischen Baustils kennzeichnend. - Wobei es sich nicht um ein
symbolisches Abbilden des Inneren handelt, sondern die architektonische Bauform das Innere zugleich mitgestaltend ermöglicht und stützt.
War es beim Ersten Goetheanum die Bestrebung, in seinem Inneren das
Bewusstsein der Menschen durch Geistesforschung und künstlerische Erlebnisse, die die geistige Wahrnehmung ermöglichen, zu verwirklichen und durch den Bau zu fördern, so wird ein anderer Inhalt durch andere Formen zu
stützen sein.
Ein zweites Prinzip ist dieses, dass nun, sobald das Gesetz des Lebendigen erfüllt ist, indem ein inneres seelisch-geistiges Wesen im Leiblichen ausgestaltet wird, der gesamte Bau aus dem
Organischen heraus empfunden und gestaltet werden kann.
Sobald das Wesen des Inhaltes eines Bauwerkes als aktive Strebung erkannt ist, kann sich die dazugehörige, dem Wesen dienliche Bauweise organisch an
das Wesen anschließen.
Das Wesen eines Bauwerkes kann sich durch alle Tätigkeiten und Verrichtungen abzeichnen, die in einem Hause vollzogen werden. Es wird sie um ein Zentrum vereinen und ihnen die Ordnung
und angemessene Gebärde geben.
Denken wir uns einmal die Bausubstanz als eine wahrnehmende Individualität, welche die inneren Bestrebungen der Menschen vernehmen könnte und sich dem Inhalt entsprechend
gestaltete. So wie wir etwa unsere Hand und unseren Arm einem Kinde anpassen würden, um es zu schützen und zu tragen.
Wir müssten oms-zunächst die Wände und Decken eines Bauwerkes elastisch vorstellen, um
dann für die jeweilige Tätigkeit die veränderten Raumformen zu -erhalten. Der "elastische Bau könnte in seinem Inneren den verschiedenen Tätigkeiten seinen Raum zukommen lassen, sich organisch seinem Inhalt
verbinden.
So kann man sagen, dass drei Quellen erforderlich sind, um den Bauimpuls Rudolf Steiners fortzubilden:
Das Erste wäre die Notwendigkeit, sich zu vertiefen in die Formen vorhandener
Bauwerke des organischen Bauens. Das Zweite, die Bekanntschaft mit dem Baugedanken und den Beschreibungen der Gesetze des Organischen Baustils. Als Drittes müsste die innere Durchdringung dieser beiden Quellen erfolgen
und eine selbständig künstlerisch-intuitive Aktivität hinzukommen. Das wäre die Voraussetzung für die Belebung und Fruchtbarmachung der Quellen.
Wenn wir die Strebungen der Menschengruppe erkennen, die im
Inneren eines Bauwerkes tätig sind, wenn wir ihre Tätigkeiten im Sinne ihrer Strebungen in einem Zusammenhang sehen, wenn wir den Charakter des Lebenszusammenhanges in einem Gebäude erkennen, dann kommen wir zu einem
Wesensbegriff, zu einem Inhalt, der durch die Raumformen der Architektur im Ganzen und im Einzelnen gestützt und gefördert werden kann, und der nach außen eine physiognomische Gestalt gewinnt.